Fiktion und Ironie erkennen im postfaktischen Zeitalter. Ein paar Gedanken und ein Crashkurs.

Es gibt viele Dinge auf der Welt, die sind lustig und traurig zugleich. Sehr lustig fand ich zum Beispiel das Tagebuch, das Stefanie Sargnagel, Maria Hofer und Lydia Haider kürzlich während eines Schreiburlaubs in Marokko geschrieben haben. Sehr traurig und auch recht beängstigend hingegen ist der Shitstorm, der sich dem Erscheinen dieses Tagebuchs anschloss (mit einem Delay von einigen Wochen, wohlgemerkt). „Tierquälerei und Drogenmissbrauch auf Kosten des österreichischen Steuerzahlers!!!11eins elf!“, skandierte es aus der, sagen wir, misogyn geprägten, rechtskonservativen Ecke. Die Folge: eine Flut von Hasskommentaren auf Sargnagels Facebookseite und ihre anschließende Sperrung.

Den Rattenschwanz negativer Social-Media-Ereignisse, der sich daran anschloss, möchte ich hier nicht aufarbeiten, das lässt sich hier und hier bereits hervorragend nachlesen. Was ich aber besonders bemerkenswert an dieser Angelegenheit finde, ist die Tatsache, dass es dem krone.at-Autoren Richard Schmitt und in dessen Folge auch zahlreichen anderen Menschen nicht in den Sinn gekommen ist, dass es sich bei dem Text von Sargnagel, Haider und Hofer möglicherweise um Satire oder zumindest um Fiktion, also um die Darstellung von Dingen, die in echt gar nicht passiert sind, handeln könnte. Immer, wenn ich so etwas mitbekomme, muss ich an meine Oma denken. Vor ein paar Jahren habe ich mal eine Kurzgeschichte geschrieben, die aus der Ich-Perspektive erzählt wurde und in der ein Hamster vorkam. Meine Großmutter hat sie gelesen und mich anschließend angerufen. Weiterlesen

Darkfemme Duck

Zu groß, zu klein, zu dick, zu dünn, zu kurz, zu lang, zu männlich, zu weiblich, zu laut, zu leise, zu schön, zu hässlich, zu viel plus, zu viel minus, zu viel Meinung, zu viel „kein Bock“, zu viel Kind, zu viel Job, zu viel Arbeit, zu viel zu viel zu viel Schminke, zu wenig Makeup, zu viele Männer, zu viel allein, zu wenig Plan zu viel zu viel zu viele Flausen im Kopf. Weiterlesen

Das Festival der guten Laune

Es gibt zwei Dinge im Leben, auf die ich mich voll und ganz verlassen kann. Das eine ist die unumgängliche Tatsache, dass ich und auch alle anderen Menschen irgendwann sterben müssen. Das andere ist mein Bullshit-Radar. Jeder Mensch hat so einen, glaube ich. Er sitzt direkt neben dem Herz und lässt es ein bisschen schneller schlagen, wenn es einen Grund gibt, sich aufzuregen. Mein Bullshit-Radar ist möglicherweise ein kleines bisschen überempfindlich, aber immerhin gut geeicht. Bei der deutschen Übersetzung von Game of Thrones schlägt es zum Beispiel Alarm wie ein Geigerzähler in Fukushima. Darüber habe ich mich neulich auch mit ein paar Freunden unterhalten. „Jon Schnee, Casterly Stein, Weiße Wanderer, WILDLINGE – Furchtbar! Plumper und unkreativer hätte man das kaum übersetzen können!“, habe ich mich echauffiert. „Sei doch nicht immer so anti!“, hat meine Freundin Katha gesagt.

Mein Bullshit-Radar schlägt auch sehr stark aus, wenn jemand sagt, dass ich nicht immer so anti sein soll. Weiterlesen

Wo die ehemals wilden, jetzt resignierten Möwen schlafen

Vor ein paar Tagen hat die Lokalpresse eine Bucketlist für Kiel in den Umlauf gebracht, also eine Liste mit 55 Dingen, die man mal gemacht haben sollte, wenn man in Kiel lebt und studiert. Daran ist natürlich erst einmal nichts schlechtes, vor allem nicht für Leute, die zwar nicht gerne selber Listen schreiben, aber trotzdem Häkchen machen wollen. An den meisten Punkten ist nun auch wirklich nichts auszusetzen, wenn man einmal davon absieht, dass Dinge wie „mit Freunden im Schrevenpark grillen“ oder „im Tucholsky am Boden festkleben“ in dem Zusammenhang ähnlich überraschend klingen wie der Punkt „Atmen!“ auf einer Liste mit dem Titel „Was muss ich tun, um zu überleben?“. Kurz: Das ist ja alles ganz nett, aber wenn ihr Kiel wirklich eines Tages durchgespielt haben wollt, hätte ich da noch 33 wertvolle Ergänzungen zu dieser Liste: Weiterlesen

In echt ist das meine Lieblingsmusik! 2015

Eigentlich wollte ich viel mehr bloggen, aber weil auch dieses Jahr ein turbulentes war, bin ich seit Mai nicht mehr dazu gekommen. Immerhin für einen Jahresrückblick sollte aber Zeit sein. Damit er nicht genau so wird wie der für 2014 (so viel hat sich nämlich nicht verändert, glaube ich), gibt es dieses Jahr eine kleine, aber feine Zusammenstellung meiner Lieblingslieder inklusive Kommentar.

Die Entdeckung des Jahres:

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Leerstellen. Wunschträume. Amokläufe.

Liv Strömquist: Hundra Procent Fett. Stockholm 2014, S. 74.

„Das wichtigste ist nicht, ein guter Vater zu sein, sondern ein ANWESENDER Vater.“ Liv Strömquist: Hundra Procent Fett. Stockholm 2014, S. 74.

Zugegeben: Ich weiß nicht viel über Väter. Und weil das hier ein recht persönlicher Text wird, habe ich keine Lust, irgendwelche Studien zu Eltern-Kind-Beziehungen oder ähnliches in meine Betrachtungen einzubeziehen.* Aus meinem letzten Schweden-Aufenthalt habe ich allerdings die sehr tolle Comic-Strip-Sammlung „Hundra Procent Fett“ von Liv Strömquist mitgenommen und darin u.a. einen interessanten Comic über Väter gefunden. Darin weist die Zeichnerin auf die bigotte Misere hin, dass Väter schon für ihr bloßes Vorhandensein honoriert werden, während an Mütter ungleich krassere Erwartungen gestellt werden. Das deckt sich auf eine furchtbare Art und Weise auch mit meinen Erfahrungen als Kind einer alleinerziehenden Mutter. Weiterlesen