Street Cred +100

Über Sittenverfall klagen ist ein thematischer Dauerbrenner. Die Jugend ist unhöflich. Die wunderschöne deutsche Sprache wird hinterrücks von einer Anglizismensarmee überfallen und ermordet. Die Menschen starren alle nur noch auf ihr Smartphone und verpassen das echte Leben. Diese neuen Feministinnen machen das gute alte Patriarchat kaputt. Seit der Antike werden Sommer-, Winter- und sonstige Ereignislöcher immer wieder mit solchen Themen gestopft. Früher war alles besser, bla etc. Ich kann dieser Art der Berichterstattung nicht das geringste abgewinnen. Und das nicht nur, weil ich jung und emanzipiert bin und sehr gerne Anglizismen benutze. Sondern, weil es einfach zu nix führt, außer dass Franz Josef Wagner wieder eine leere Stelle in der Bildzeitung mit noch mehr restriktiver Scheiße füllen kann. Allerdings muss ja jeder mal gegen Prinzipien verstoßen, und deswegen beklage auch ich heute eine Form des Sittenverfalls, die mir schon lange ein Dorn im Auge ist.

Und zwar, liebe Leser_innenschaft, mangelt es der Gesellschaft heutzutage bedenklich an Street Credibility. Auch, oder vielleicht gerade weil so viele nicht einmal wissen, was das ist. Und das weiß man auch nicht, wenn man nie auf HipHop stand oder wenigstens mal einen Geolino-Artikel darüber gelesen hat. Ich werde es euch erklären. Wenn man den Terminus wörtlich übersetzt, bedeutet er „Straßenglaubwürdigkeit“, und das erklärt schon einiges. Viel Street Cred haben heißt, draußen auf der Straße, da, wo auch die anderen Menschen sind, ernst genommen werden zu können. Einerseits, weil man gewisse Szenegepflogenheiten kennt und anwendet. Andererseits, weil man als alter Straßenhase schon viel erlebt und deswegen den totalen Durchblick hat. Und sich daher auch seinen eigenen Reim auf Dinge machen kann. Und das ist jetzt nicht nur auf Raptexte bezogen. Aber wenn jetzt z.B. rauskäme, dass Kollegahs Texte eigentlich von seiner Freundin geschrieben werden, die Germanistik studiert und einen ziemlich guten Humor hat, würde er all seine Street Cred verlieren und wäre nur noch ein rappender Jurastudent mit Anabolikamuskeln. Da nützt auch eine Bosstransformation nichts, Street Credibility kommt von innen, aber man muss sie sich trotzdem selbst erarbeiten.

Und man kann sie so leicht verlieren! Vor allem in Zeiten wie heute, in denen quasi hinter jeder Straßenecke ein neuer Street-Cred-Sauger lauert. Ich werde mal genau so pauschalisierend wie Kollege Wagner ausholen: ungefähr alles, was in Frauen- oder allgemein Fitness- und Lifestyle-Literatur steht (da greift ja vieles stark ineinander), ist unfassbar schlecht für eure Straßenglaubwürdigkeit. Natürlich ist es okay, für sein körperliches Wohlbefinden zu sorgen. Aber zum Beispiel auf Brot und Nudeln zu verzichten, weil da so viele Kohlenhydrate drin sind, die heutzutage offenbar keine Energiequellen, sondern sogenannte „Dickmacher“ sind – Entschuldigung, aber das ist doch albern. „Hallo, ich hätte gerne einmal Spaghetti Carbonara, aber ohne Nudeln! Und zum Nachtisch einen grünen Smoothie, ich mag doch so gerne pürierte Gurken mit Grünkohl! Ach, und vorm Pilates muss ich noch ein LowCarb-Gutenachtbrot kaufen!“ Solche Verhaltensweisen können wir draußen auf der Straße beim besten Willen nicht ernst nehmen. Meine Homies und Hometten wissen aber, dass dieses fragwürdige Gedankengut von dem Selbstoptimierungsdruck herrührt, der wiederum dem Kapitalismus geschuldet ist. Wer sich aber im Hinblick auf seine Street Cred selbstoptimieren möchte, sollte am besten erstmal aufhören, Fitnesstipps aus Zeitschriften zu lesen. Wenn ihr das konsequent durchziehen wollt, lasst bitte auch die neonfarbenen Nike Airs zuhause. Die passen vielleicht zu eurer Vanilla Latte aus der Campus Suite, aber nicht auf die Straße.

Damit ihr übrigens den für eine hohe Street Cred so wichtigen Durchblick bekommt, ist es immens wichtig, dass ihr eigene Erfahrungen macht. Ich meine das jetzt gar nicht so Julia Engelmann-“Ihr müsst etwas krasses erleben, damit ihr es euren Enkelkindern erzählen könnt“-mäßig. Es reicht, wenn das irgendwas ist, was euch davon abhält, diese seltsamen HEFTIG.co-Artikel zu lesen und im Internet zu verbreiten. „Ein Mädchen fotografierte sich ein Jahr lang jeden Tag. Die letzten 2 Bilder machen mich fertig!“ „Mit diesen 25 Tipps wird sich ihr Leben verändern. Tipp 11 ist der Hammer!“ „Ein Mann ließ sich das Gehirn amputieren. Was dann geschah, ist nicht auszudenken!“ Dass die Menschen heutzutage ihr Weltwissen über solche Artikel beziehen, macht mir noch mehr Sorgen als die Tatsache, dass sie vielleicht auch freiwillig pürierten Spinat trinken.

Damit ich Franz Josef Wagner und allen anderen, die immer nur über die zunehmende Verkehrtheit der Welt klagen, moralisch wenigstens etwas überlegen bin, habe ich mir überlegt, wie man konkret gegen die angeprangerten Missstände angehen kann. Auf große Worte müssen große Taten folgen! In der Französischen Revolution hat man sich auch nicht nur über das Feudalsystem geklagt, sondern tatsächlich die Bastille erstürmt und halb Europa auf den Kopf gestellt. Und weil in unserem System so viel von alten weißen Männern bestimmt wird und dann trotzdem nur alte weiße Männer Gehör für ihre ziellosen Mäkeleien finden, rufe ich euch alle dazu auf, Teil meiner Mädchengang zu werden! Erstmal wird es eure Street Cred natürlich astronomisch anheben, wenn ihr Teil einer Gang seid. Und wenn wir dann alle unser Gang-Tattoo haben, werden wir die Welt verändern. Fitnesszeitschriften verbrennen, Schnecken in Salatbars aussetzen (denn vom Salat schrumpft der Bizeps!), Menschen wie Heidi Klum mit pappigen Wellnessflakes bewerfen, mit High Carb-Kanonen auf Diätspatzen schießen, HEFTIG.co hacken und das System gleich mit. Damit sich nie wieder jemand aus Selbstoptimierungsdruck oder verqueren Lifestyle-Diktaten zum Vollhorst macht. Wie auch in der französischen Revolution müssen wir dafür erstmal ein bisschen Angst und Schrecken verbreiten. Das mit der Guillotine lassen wir aber weg. Zukünftige Gangmitglieder sollten schon noch einen Kopf haben. Damit sie ihn benutzen können. Zum Verbessern ihrer Street Cred. Oder zum Mützentragen.

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