Krötenwanderung

Ein Lied aus dem Soundtrack zu meinem Leben klingt so ähnlich wie Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf von Thees Uhlmann. In meiner Coverversion tauschen wir die Lachse gegen Kröten und lassen es mit dem dramatischen Lärm quietschender Reifen beginnen, verursacht durch eine Vollbremsung. Es ist Frühjahr, Anfang März, und mitten auf der Straße sitzt eine Kröte. Wie alle ihre Artgenossen ist sie auf dem Weg zu ihrem Schlüpfteich, um dort selbst ein paar glibberige Eier abzulegen, aus denen erst Kaulquappen, dann kleine und später große Kröten werden. Als Amphibie gehört sie zu den wechselwarmen Tieren, ihre körperliche Aktivität steigt und fällt mit der Umgebungstemperatur, und weil es schon dunkel ist, ist es auch kalt und die Kröte damit bewegungsunfähig. Es könnte ihr Ende sein, doch sie hat Glück, denn meine Mutter springt aus unserem Fiat Panda, setzt sie auf die andere Straßenseite und wir fahren weiter. Das ist bei weitem nicht die letzte Vollbremsung für heute und auch insgesamt keine Ausnahme. Meine Mutter bremst für alle Kröten. Nun, nicht auf Hauptstraßen, aber sonst überall.
Und weil für Kröten bremsen noch nicht reicht, geht es im März nach dem Abendbrot meistens noch einmal auf die Straße. Mission: die Rettung aller Froschlurche vor dem Tod im Straßenverkehr. Direkt um die Ecke sitzen hunderte hormongeschüttelte Kröten auf der Straße. Dramatisch: Mitten durch unser beschauliches Dörfchen im Wald zieht sich eine Regionalbahntrasse. Welche Kröten sind suizidal, welche wollen nur ablaichen? Es gibt eine Menge zu tun, aber die Regeln sind einfach. Die platten Kröten sind tot – nicht anfassen. Alle anderen vorsichtig in Hüpfrichtung an den Straßenrand setzen. Und auch die lebendigen Tiere nicht ohne Handschuhe aufheben, denn einige Arten sondern giftige Stoffe über die Haut ab. Oder danach gründlich die Hände waschen.
Insgesamt sind wir eine stets bemühte Umweltschützerinnenfamilie und leben, soweit es geht, im Einklang mit der Natur. Trotzdem wohnen wir in einem fast 100 Jahre alten Backsteinhaus, von dem immer, wenn jemand das Wort „Energieeffizienz“ zu laut sagt, ein wenig Putz abbröckelt. Der Keller ist unheilbar feucht. Das perfekte Habitat für eine Kröte. Wir nennen sie Hänschen. Meine Schwester und ich gucken ab und zu nach, was Hänschen so macht. Manchmal ziehen wir Gartenhandschuhe an und holen ihn aus dem Keller, zum Spielen. Hänschen stellt sich dann immer tot, und wir bringen ihn wieder runter und setzen ihn in seine Pfütze. Eines Tages im März ist er weg. Auf Krötenwanderung, sagt Mutter, zu Besuch im Geburtsteich. Vielleicht hat ihn gerade ein Krötenweibchen huckepack genommen und hüpft mit ihm ins Moor. Ich frage mich, wer eigentlich festgelegt hat, dass Hänschen männlich ist? Es heißt doch die Kröte! Wir sehen ihn nie wieder.

* * *

Die Jahre ziehen ins Land wie die Kröten zu ihren Laichgewässern. Die DSL-Breitbandverbindung wird erfunden, auf Terroranschläge folgen Kriege folgen Terroranschläge folgen Kriege, Immobilienblasen platzen, Banken kollabieren, die soziale Interaktion expandiert ins Web 2.0. Und irgendwann ist auch wieder Frühling, und zwar der Frühling, in dem ich eine 19-Jährige Weltverbesserin bin, die sich nach dem Abi für eine Superheldinnenkarriere entschieden hat.
An einem Sonntag Abend im März spaziere ich mit meinem Sandkastenfreund Hannes durch die menschenleeren Straßen unseres Heimatdörfchens. Heute bin ich Gegenstand seines Amusements, weil ich am Wochenende einen Tennisspieler vom Elitegymnasium gedatet habe. Während ich versuche, meine Street Credibility mit dem Argument zu retten, dass es sich immerhin um einen antifaschistischen Tennisspieler handelt, trete ich beinahe auf eine Kröte, die regungslos auf der Straße sitzt. Ich unterbreche meine Rechtfertigungen und bücke mich, um sie an den Straßenrand zu setzen. Nur wenige Meter trennen sie noch vom Waldrand, hinter dem sich ein sumpfiges Eldorado für fortpflanzungswillige Froschlurche befindet. Hannes kommentiert das nonverbal mit einer hochgezogenen linken Augenbraue. Im Lichtkegel der Straßenlaterne schimmern die Abdrücke überfahrener Krötenkörper. Dazwischen sitzen noch ein paar überlebende Tiere. Einigen genügt ein kleiner Fingerschubser, um sie an ihr Ziel zu erinnern. Die übrigen hebe ich auf und lege sie im hohen Gras auf dem Seitenstreifen wieder ab, von wo sie im Dunkel des Waldes verschwinden. Hannes nennt mich „Ökotante“. Ich zeige ihm meinen Mittelfinger und wende mich wieder meiner Mission zu. Etwas abseits sitzt noch eine einzige Kröte auf der Straße. Ich stupse sie an. Keine Reaktion. Ich gehe in die Knie und lege sie vorsichtig in meine Handfläche. Zuhause gleich Hände waschen!, denke ich. Irgendwas kommt mir komisch vor. Vielleicht, dass sie weniger Widerstand gegen meine ungefragte Hilfe leistet als ihre Artgenossinnen, nämlich gar keinen. Ich beschließe, eine zweite Meinung einzuholen und halte Hannes die Kröte unter die Nase.

„Die ist tot“, diagnostiziert er. „Hättest du auch liegen lassen können.“

Ich verstehe das nicht. „Die ist doch noch dreidimensional!“

Hannes enthält sich weiterer Kommentare und schmunzelt über meinen beinharten Idealismus. Ich lege die tote Kröte trotzdem an den Straßenrand und gehe nach Hause. Während ich mir gewissenhaft die Hände wasche und mich auf dem Sofa zusammenrolle, um zum zwanzigsten Mal Das Leben des Brian zu gucken, fällt mir ein, dass die geretteten Kröten ja immer noch ihren Fressfeinden zum Opfer fallen könnten. Die am Ende selbst von einem Auto überfahren werden. Wobei Kröten doch eigentlich Gift absondern, um sich vor Fressfeinden zu schützen. Aber was weiß ich schon von Kröten. Hach! Vor lauter Ratlosigkeit schlafe ich ein, während Brian Luchslebern und Otternasen verkauft. Und wache erst wieder auf, als mich jemand dazu auffordert, immer auf die bright side of life zu gucken.


(Auch eine schöne künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema „Amphibien“)

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