Infiziert mit NDS

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Foto: Lea Zerbe

Niedersachsen ist der hässliche, bäuerlich-konservative, viel zu große Speckgürtel von Hamburg und würde gerne zu Norddeutschland gehören (Schleswig-Holstein lacht darüber nur). Wenn es einen Gott gibt, hat er es nicht gut gemeint mit diesem Fleckchen Erde. Hier gibt es von allem nur das Zweitbeste. Nordsee, ja, aber nur das Wattenmeer. Wenn du an den Strand fährst, dann nur, um dort ein Schlammbad zu nehmen, richtiges baden geht nur alle 12 Stunden für 10 Minuten. Eine dieser Optionen ist natürlich mitten in der Nacht. Und es gibt den Harz, aber die spannende Hälfte dieses Mittelgebirges (die mit dem Brocken) liegt schon in Sachsen-Anhalt. Die niedersächsiche Hälfte hat immerhin Clausthal-Zellerfeld.

Dazwischen gibt es die Lüneburger Heide. Die wiederum ist eine Kulturlandschaft. Ein Konstrukt also, das sehr schnell wieder mit den umliegenden Wäldern verschmölze, wenn sich niemand um seinen Erhalt kümmern würde. Hier und dort gibt es ein paar Schäfer, die zu diesem Zweck ein paar Heidschnucken halten und sie hin und wieder über die trockenen Heidekrautfelder scheuchen, was wiederum nette Postkartenmotive generiert. Diese Bilder locken vor allem Rentner an, die im Schneckentempo auf „romantischen Heidestraßen“ flanieren und mit dem Geld, was sie mitbringen, die Existenz dieses Landstrichs legitimieren. Die weniger schönen Heidegegenden werden gern als Truppenübungsplätze genutzt.

Die Hauptstadt von Niedersachsen ist Hannover. Die Meinungen über diese Stadt sind geteilt. Ich habe keine Meinung über diese Stadt, aber auch keine Sympathie. Ansonsten gibt es Städte mit schönen sprechenden Namen wie Braunschweig, Celle, Salzgitter oder Delmenhorst.

Eine der wenigen Vorzüge von Niedersachsen ist die Nähe zu den Niederlanden. Es ist schön, dort über Bremen, Leer und Groningen mit dem Zug hinzufahren, wenn du ein gutes Buch dabei hast. Aber es ist furchtbar, an Samstagen aus dem Nachbarland zurückzukehren, wenn du die Grenze in Enschede überquerst und mit dem Regionalverkehr in Osnabrück und Bremen aussteigen musst. Mit ein bisschen Pech ist in beiden Städten Fußball und es sind Heimspiele gegen den HSV oder problematische Ost-Drittligavereine. Und die VFL Osnabrück-Fans sind sowieso eine Konstante in niedersächsischen Regionalzügen. Selbst, wenn du um 6 Uhr morgens über Rheine von Münster nach Osnabrück fährst, steigen sie nach und nach zu, in betrunkenen Kleingruppen, mit Fußballschals und „Meine Heimat, mein Verein, mein Leben“-Shirts in Frakturschrift, weil um 7:52 Uhr der Sonderzug zum Spiel gegen Holstein Kiel fährt.

Und zwischen all diesen Ballungspunkten der Misere liegen unendliche Weiten. Raps- und Weizenfelder. Manchmal Industriegebiete und Logistikparks. Lagerhallen von Landmaschinenherstellern. Die immergleichen Weideflächen, auf denen nur selten Kühe grasen. Keine Bauernhöfe, nur Saatgutfabriken und Mastanlagen. Auf der Autobahn zwischen Vechta und Cloppenburg überholst du einen Schweinetransporter nach dem anderen.

Ich bin aufgewachsen in Niedersachsen, verwaltungstechnisch gesehen. Wenn mich heute jemand fragt, wo ich herkomme, antworte ich: „Aus einem Vorort von Hamburg“. Und ich bin froh darüber, dass ich das sagen kann, ohne zu lügen; dass ich tatsächlich die Haustür hinter mir zuziehen und 45 Minuten später am Hamburger Hauptbahnhof stehen konnte. Niedersachsen, es tut mir leid, dass ich dich stets verleugne. Aber es geht nicht anders. Ich kann mich nicht identifizieren mit einem Bundesland, das sich im Wesentlichen aus Schweinemastanlagen, rentnerfreundlichen Touristengebieten, Truppenübungsplätzen, Fichtenmonokulturen und einer diffusen Christian-Wulffigkeit zusammensetzt und von Menschen bewohnt wird, die angeblich „sturmfest und erdverwachsen“, in den meisten Fällen aber Cola-Korn-Schützenfest-affin und latent konservativ sind. Vielleicht bin ich auch einfach kein Mensch für die deutsche Provinz und kann dich deswegen nicht leiden. Vielleicht ist es meine Städterinnen-Arroganz gegenüber weniger fancy ausgestatteten Landstrichen. Ich weiß es nicht. Aber unsere Trennung war die richtige Entscheidung.

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