Leerstellen. Wunschträume. Amokläufe.

Liv Strömquist: Hundra Procent Fett. Stockholm 2014, S. 74.

„Das wichtigste ist nicht, ein guter Vater zu sein, sondern ein ANWESENDER Vater.“ Liv Strömquist: Hundra Procent Fett. Stockholm 2014, S. 74.

Zugegeben: Ich weiß nicht viel über Väter. Und weil das hier ein recht persönlicher Text wird, habe ich keine Lust, irgendwelche Studien zu Eltern-Kind-Beziehungen oder ähnliches in meine Betrachtungen einzubeziehen.* Aus meinem letzten Schweden-Aufenthalt habe ich allerdings die sehr tolle Comic-Strip-Sammlung „Hundra Procent Fett“ von Liv Strömquist mitgenommen und darin u.a. einen interessanten Comic über Väter gefunden. Darin weist die Zeichnerin auf die bigotte Misere hin, dass Väter schon für ihr bloßes Vorhandensein honoriert werden, während an Mütter ungleich krassere Erwartungen gestellt werden. Das deckt sich auf eine furchtbare Art und Weise auch mit meinen Erfahrungen als Kind einer alleinerziehenden Mutter. Am schlimmsten war es eigentlich, als wir kurz nach einem Amoklauf an einer Schule (ich weiß nicht mehr, welcher es war, ist aber auch egal) im Ethik-Unterricht über dessen Ursachen diskutiert haben. Aus irgendwelchen Gründen waren nicht wenige meiner Mitschüler_innen der Überzeugung, dass die Täter ja „immer aus kaputten Familien ohne Väter kommen“. Willkommen am Vorstadtgymnasium! Meine einzige Verbündete an der Alleinerziehende-Kinder-Front (wir müssen nur einen Elternteil erziehen!) und ich saßen da und wussten gar nicht, was wir sagen sollten, hatten nach dieser Äußerung aber ungleich stärker das Bedürfnis, unseren Mitschüler_innen Gewalt anzutun als vorher. Aus solchen Äußerungen ergibt sich dann aber wirklich das, was Liv Strömquist auch in ihrem Comic aufzeigt: Scheinbar reicht es, wenn Väter „anwesend“ sind, wenn es sie in erreichbarer Nähe gibt, dann sind alle auf der sicheren Seite. Ihre Qualität ist völlig egal, solange ihre Quantität exakt bei 1 liegt. Auf dieser gedanklichen Basis werden Väter zu scheuen Rehen; selten zu sehen, nett, wenn sie da sind. Gefährlich, wenn man sie dann trotzdem zur notwendigen Bedingung für eine gute kindliche Entwicklung macht. Unrealistisch irgendwie auch. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Vaterfiguren mitunter so flüchtig sind, dass man tatsächlich froh sein könnte, wenn man überhaupt eine hat.

Väter verlassen Familien. Väter waren vielleicht eher nur Erzeuger und wissen gar nichts von ihrem Glück. Väter arbeiten viel und sind abends müde. Väter sterben früh. Ich kenne sicher genauso viele Halbwaisen wie Scheidungskinder. Und ich bin auch eine von ihnen.

Mein Vater starb bei einem Autounfall, als ich noch kein Jahr alt war. Das ist so tragisch, dass es sich durch keine noch so lakonische Formulierung übertünchen lässt, aber das ist eher die Sorte Tragik, die Außenstehende empfinden, wenn sie meine Geschichte hören. Das arme Mädchen ist so ganz ohne Vater aufgewachsen! Aber das sind eure Gefühle, nicht meine. Mir tut es vor allem für die Leid, die ihn gekannt und geliebt haben, für die sein Tod einen schlimmen Verlust bedeutet hat. Ich selbst war doch noch viel zu klein, um diesen Menschen irgendwie mit Bedeutung aufzuladen. Für mich ist es eher eine für immer verpasste Gelegenheit, diesen Menschen kennen zu lernen. Damit muss_te ich mich eben irgendwie arrangieren. Natürlich habe ich mich oft gefragt, was gewesen wäre, wäre mein Vater nicht gestorben. Sicher hätte es einiges einfacher gemacht, zwei lebende Elternteile zu haben, allein schon in existenzsichernder Hinsicht (aber das ist ein anderes Kapitel). Aber ich wage zu bezweifeln, dass ich mich „schlechter entwickelt“ habe, weil mir mein Leben lang eine Vaterfigur gefehlt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich mich für Tennis und normale Musik aus den Charts interessiert hätte und in der Schule beliebt gewesen wäre, wenn mein Vater noch leben würde. Und ich glaube nicht, dass meine Faulheit und mein introvertiertes Eigenbrötlertum Hand in Hand mit meinem Halbwaisendasein gehen. Abgesehen davon war ich trotz meiner Eigenarten sicher kein Problemkind, jedenfalls habe ich immer mindestens okaye Noten mit nach Hause gebracht und mich beim Scheiße bauen nicht erwischen lassen. Ich bin genauso komisch und normal wie andere Menschen auch.

Und trotzdem klebt das Nicht-Vorhandensein meines Vaters an mir wie ein zweiter Schatten. Einer, den man nur bei bestimmten Lichtverhältnissen sieht, der dann aber umso mehr auffällt. Da ist dieser Mensch, dessen Nase und dessen fürchterliches Strohhaar ich trage, über den ich aber weniger weiß als über einen fremden Menschen mit einem halböffentlichen Facebook-Profil. Der sich nicht nach meiner Geburt aus dem Staub gemacht oder meine Mutter für seine Sekretärin verlassen hat. Der mir nie Sachen erlaubt hat, die meine Mutter verbietet oder umgekehrt. Mit dem ich mich nie über meine Kleidung, meine Studienwahl oder Politik streiten musste. Der sich nie nicht für mich interessiert hat. Der stattdessen eine riesige Leerstelle hinterlassen hat, die andere mit ihren Vätergeschichten füllen.

Vielleicht ist es auch gar keine Leerstelle, vielleicht ist es nur eine Art von Geschichten, die ich nicht erzählen kann. Eigentlich müsste ich mich von dieser Leerstellenvorstellung ganz dringend mal befreien, denn ich kann ja eigentlich genug andere Geschichten erzählen. Aber das geht immer nur, wenn mich niemand fragt, was denn mit meinem Vater sei und dann diese betroffene Miene aufsetzt, wenn ich „Der ist tot.“ antworte. „Das tut mir leid!“ – Ja, mir auch, weil es einfach scheiße ist. Hätte ich die Wahl gehabt, wäre das alles anders gewesen. Und ja, ich wünsche mir so sehr, ich könnte mich nur ein einziges Mal in meinem Leben für eine Stunde mit meinem Vater unterhalten, nur um zu sehen, was er für ein Mensch war, ob wir uns ähnlich sind und wie wir wohl miteinander ausgekommen wären. Aber aus diesen ganzen Konjunktiven und Wunschvorstellungen kann ich mir halt nichts für Gegenwart und Zukunft bauen. Was ich aber auf jeden Fall weiß (und das geht raus an das konservative Pack, die so etwas z.B. dann proklamiert, wenn es um Adoptionsrechte für homosexuelle Paare geht und auch an meine ehemaligen Mitschüler_innen, die diese „vaterlose Kids=Amokläufer“-Gleichung aufgestellt haben): „Ein Kind braucht eine Mutter und einen Vater“ ist absoluter Quatsch. Ein Kind braucht Menschen, die sich um es kümmern. Es ist dabei völlig egal, in welchem genetischen Verhältnis diese Menschen zu ihm stehen. Hauptsache, sie sind wirklich da und kümmern sich um die Kids. Mit abwesenden, unbeteiligten (theoretisch) Erziehungsberechtigten können sie nämlich nichts anfangen (behaupte ich mal, so als bisher kinderlose Nicht-Pädagogin, aber hey, immerhin war ich selbst mal Kind). Ich denke, ich bin mit meiner Mutter und meinen Omas immer ganz gut gefahren. Und die Take-Home-Message (nicht nur) an alle, die irgendwie mit Kindern zu tun haben (möchten) liegt wohl auf der Hand: Macht euch nützlich. Ihr werdet immer gebraucht. Supportet die anderen Elternteile und kümmert euch um die Kinder. So werdet ihr dann auch ein aktiver Teil ihrer Geschichte_n.

*Ja, ich habe kurz recherchiert und „Tochter+vaterlos“ gegoogelt – die Ergebnisse waren haarsträubend maskulistisch. Wusstet ihr, dass Mädchen, die ohne Vater aufwachsen, später entweder nur auf sehr viel ältere Männer stehen oder fiese Butches werden? Ich habe nun Schwielen an den Händen vom Facepalmen.

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