Das Festival der guten Laune

Es gibt zwei Dinge im Leben, auf die ich mich voll und ganz verlassen kann. Das eine ist die unumgängliche Tatsache, dass ich und auch alle anderen Menschen irgendwann sterben müssen. Das andere ist mein Bullshit-Radar. Jeder Mensch hat so einen, glaube ich. Er sitzt direkt neben dem Herz und lässt es ein bisschen schneller schlagen, wenn es einen Grund gibt, sich aufzuregen. Mein Bullshit-Radar ist möglicherweise ein kleines bisschen überempfindlich, aber immerhin gut geeicht. Bei der deutschen Übersetzung von Game of Thrones schlägt es zum Beispiel Alarm wie ein Geigerzähler in Fukushima. Darüber habe ich mich neulich auch mit ein paar Freunden unterhalten. „Jon Schnee, Casterly Stein, Weiße Wanderer, WILDLINGE – Furchtbar! Plumper und unkreativer hätte man das kaum übersetzen können!“, habe ich mich echauffiert. „Sei doch nicht immer so anti!“, hat meine Freundin Katha gesagt.

Mein Bullshit-Radar schlägt auch sehr stark aus, wenn jemand sagt, dass ich nicht immer so anti sein soll. Katha sagt das nicht zum ersten Mal, und außerdem ist sie Yogalehrerin. Yoga macht mich auch wütend. Nein, eigentlich machen mich nur Leute wütend, die Yogafotos von ihren Selbstfindungstrips in Indien auf Facebook posten. Diese ignoranten neokolonialistischen Weißbrote! Katha ist okay, und vielleicht hat sie auch recht. Patzi, das Motzkottchen aus der Antifabrik, so nennt sie mich. Ich soll nicht so viel meckern, das ist schlecht für die Leber, sagt Katha immer. Aber wenn ich es nicht rauslasse, bekomme ich ein Magengeschwür!, sage ich dann. Ihr sollt Organe nicht gegeneinader ausspielen!, sagt eine Stimme aus dem Off. Ich habe mich dann aber für die Leber entschieden (die regelt schließlich das mit dem Alkohol) und den Selbstversuch gewagt – 7 Tage „nicht immer so anti sein!“

Montag. Yay, Montag!

(Ich reiße mich zusammen, wirklich.)

Dienstag. Juhu, es ist Dienstag! Heute habe ich nur dreimal auf den Snooze-Button gedrückt. Der Himmel ist dunkelgrau und es regnet. Das ist super für die Pflanzen! Ich freue mich für unsere grünen Freunde und gehe super motiviert zur Arbeit. Heute wird wieder richtig was weggeschafft. Mein Chef lobt meine Produktivität. Ich freue mich, dass er jetzt noch reicher wird. Nach einem erfolgreichen Arbeitstag fahre ich mit dem Bus nach Hause. Neben mir sitzt eine Frau, die vermutlich ihrem Hausarzt ein hartnäckiges Verdauungsproblem am Telefon schildert. Ich finde es gut, dass wir alle heute offen über sowas reden können.

Mittwoch. Juhu, Mittwoch! Mitte der Woche! Heute musste ich nur noch zweimal snoozen. Beim Frühstück habe ich sogar gelächelt, weil mein Toast perfekt gebräunt war. Es regnet nicht mehr, die Sonne scheint, blauer Himmel, 30 Grad – das ist super für die Pflanzen! Auf dem Weg zur Arbeit schwitze ich mich tot, aber auch das ist super – Schweiß schützt uns schließlich vor der Überhitzung. Ich freue mich über meinen hervorragend funktionierenden Stoffwechsel, und ich freue mich ebenso darüber, endlich ein bisschen luftigere Kleidung tragen zu können. Ich habe ein geblümtes Sommerkleid an, passend zu meiner guten Laune. Sommerzeit ist auch immer Baustellenzeit. Voll gut, wenn die Stadt mal in neue Straßen investiert! Dafür gehe ich auch gerne Umwege und balanciere auf wackeligen Brettern über die tiefen Gräben, in die sicher neue Glasfaserkabel mit superschnellem Internet gelegt werden. Es ist wie auf dem Abenteuerspielplatz! Einer der Bauarbeiter macht Katzenanlockgeräusche in meine Richtung. Ich mache „MAU!“ als Zeichen, dass ich sein nettes Kompliment dankend annehme. Nach Feierabend gehe ich zum ersten Mal in meinem Leben zum Yoga. Katha unterrichtet heute Bikram-Yoga, das ist Yoga in einem 36°C heißen Raum, also wie in Indien, voll authentisch. Eigentlich könnten wir das heute auch draußen machen, aber da würden uns die Katzenanlockgeräusche von den Bauarbeitern vor der Tür vielleicht dabei stören, unsere innere Mitte zu finden. Im brütend heißen Dampfyogahöllenfeuer, ähm -Paradies fließt das letzte bisschen Negativität aus mir heraus. Patzi, das Motzkottchen verdampft und die von nun an immer positiv gestimmte Zara lernt, ihre innere Katze zu streicheln. Danke, Katha-Ji!, bedankt sich eine der älteren Yogaschülerinnen, die gerade aus Indien zurück ist. Ich danke ebenfalls, gehe nach Hause und falle todmüde ins Bett.

Donnerstag. Weil ich gestern nach dem Yoga um 19 Uhr schon ins Bett gegangen bin, wache ich eine halbe Stunde vor dem Wecker auf. Die Sonne scheint auch heute, das Thermometer klettert auf 33°C, aber später soll es wieder Gewitter und Regen geben. Super für die Pflanzen! Meine Zyklus-App sagt, ich kriege heute PMS, aber davon merke noch ich nichts. Weil im Kühlschrank nur noch Lichtnahrung ist, gehe ich nach Feierabend einkaufen. Wie alle anderen Menschen auch. Klasse, wen man da alles trifft! Wenn ich eins liebe, dann Smalltalk mit Leuten, die ich eigentlich kaum kenne. Das ist immer spannend. Na, auch einkaufen? Ja, Abendbrot und so. Naja, muss mal weiter. Tschühüß! Heute fesselt mich das Regal mit den Fleischersatzprodukten. Rügenwalder Schinkenwurst gibt es jetzt auch in vegetarisch. Toll, dass sie jetzt nicht mehr nur auf Massentierhaltung, sondern auch auf gesunde fleischfreie Alternativen setzen. Dass die hauptsächlich aus Eiern aus Bodenhaltung bestehen, finde ich super. Legebatterien sind ja auch Tierquälerei! Ich nehme gleich einen ganzen Karton. Zwischendurch ist das angekündigte Gewitter aufgezogen. Gewitter finde ich immer stark, egal, ob ich anti sein darf oder nicht. Ich tanze im Regen nach Hause, wie es Menschen eben tun, die voll gute Laune haben.

Freitag. Heute ist mein freier Tag, und weil die Woche so schön war, will ich der Welt etwas zurückgeben. Also gehe ich los, ein paar Props verteilen. Ich fange mit dem Offensichtlichsten an und lobe Autofahrer, die sich an die StVO halten. Klasse, Sie haben rechts vor links beachtet! Sie haben die Geschwindigkeitsbegrenzung eingehalten! An roten Ampeln bleiben Sie stehen – Wow, danke! Dann verteile ich Kekse an Väter, die mit ihren Kids auf den Spielplatz gehen, damit ihre Frau in Ruhe den Haushalt machen kann, und klopfe allen auf die Schulter, die auch ausländische Freunde haben, obwohl sie jeden dritten Satz mit „Ich bin gar kein Rassist, aber…“ anfangen. Ich zolle sogar den Zeugen Jehovas, die später bei mir klingeln, Respekt für ihre Beharrlichkeit. Später schreibe ich ein Gedicht über die erhabene Schönheit klebrig-schwüler Sommertage und nenne es „Total super für die Pflanzen“. Es ist ein herrlicher Tag.

Samstag. Juhu, Wochenende! Heute ist ein guter Tag, um mal wieder das Tanzbein zu schwingen, richtig abzuhotten, eine heiße Sohle aufs Parkett zu legen, oder wie man es sonst nennen darf. Nach einer gediegenen Vorglührunde lande ich mit ein paar Freundinnen im Tucholsky und es gefällt mir total gut. Klasse, dass hier so viel populäre Musik läuft! Toll, dass so viele Leute hier sind! Wie schön sich alle gemacht haben! Echt super. Zum ersten Mal in meinem Leben trinke ich nicht, um das alles zu ertragen, oder weil Alkohol mein einziger Verbündeter ist, nein, ich trinke, weil es so viel Spaß macht. Es ist eine glorreiche Nacht. Aber ich weiß: man soll gehen, wenn es am schönsten ist, und außerdem habe ich irgendwann Hunger vom vielen Tanzen. Also torkele ich aus dem Club in die nächste Pommesbude. Gleichzeitig mit mir betritt ein gutaussehender junger Mann mit Vollbart und Holzfällerhemd den Laden. Ich bin etwa drei Sekunden vor ihm am Tresen. Wer bekommt?, fragt der Pommesverkäufer. Einmal Curly Fries mit Knoblauchsauce!, ruft der Bärtige. Ich bekomme Herzrasen und auch ein bisschen weiche Knie. Dieser Typ ist wirklich heiß. Aber er hat sich vorgedrängelt. Das lasse ich mir nicht bieten. Ich ramme ihm meinen Ellenbogen in die kurzen Rippen, dann folgt ein beherzter Tritt in die Kniekehle. Mein Widersacher geht zu Boden und schreit vor Schmerzen. Ich war zuerst da, du Arschloch!, sage ich und trete noch einmal zu. Dann nehme ich seine Portion Curly Fries und gehe damit nach Hause.

Sonntag. Ich wache auf und schäme mich. Habe ich gestern wirklich im Suff jemanden verprügelt, nur weil er sich an der Pommesbude vorgedrängelt hat? Was ist nur in mich gefahren? Ich habe doch die ganze Woche so gut durchgehalten! Aber vielleicht passiert sowas einfach, wenn man seinem Ärger sonst nie Luft macht? Ich schlage meine Decke zurück und sehe: Blut. Fuck, so übel habe ich den armen Kerl zugerichtet? Dann fällt mir die PMS-Warnung von meiner Zyklus-App wieder ein. Das erklärt natürlich einiges. Puh! Selten so erleichtert gewesen, meine Tage zu bekommen. Doch keine Anzeige wegen Körperverletzung. Alles gut! Um mich von dem Schock und dem Kater zu erholen, liege ich den übrigen Tag faul herum und gucke alle Staffeln Game of Thrones nochmal auf deutsch. Jon Schnee kämpft gegen die Weißen Wanderer. Echt klasse, wie sie das übersetzt haben!

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