Krötenwanderung

Ein Lied aus dem Soundtrack zu meinem Leben klingt so ähnlich wie Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf von Thees Uhlmann. In meiner Coverversion tauschen wir die Lachse gegen Kröten und lassen es mit dem dramatischen Lärm quietschender Reifen beginnen, verursacht durch eine Vollbremsung. Es ist Frühjahr, Anfang März, und mitten auf der Straße sitzt eine Kröte. Wie alle ihre Artgenossen ist sie auf dem Weg zu ihrem Schlüpfteich, um dort selbst ein paar glibberige Eier abzulegen, aus denen erst Kaulquappen, dann kleine und später große Kröten werden. Als Amphibie gehört sie zu den wechselwarmen Tieren, ihre körperliche Aktivität steigt und fällt mit der Umgebungstemperatur, und weil es schon dunkel ist, ist es auch kalt und die Kröte damit bewegungsunfähig. Es könnte ihr Ende sein, doch sie hat Glück, denn meine Mutter springt aus unserem Fiat Panda, setzt sie auf die andere Straßenseite und wir fahren weiter. Das ist bei weitem nicht die letzte Vollbremsung für heute und auch insgesamt keine Ausnahme. Meine Mutter bremst für alle Kröten. Nun, nicht auf Hauptstraßen, aber sonst überall. Weiterlesen

First World Problems vol. I

Dienstag nachmittag, so 17 Uhr. Aus Hungrigkeitsgründen begebe ich mich zu einer Lifestyle-orientierten Futterstelle im Sportforum der CAU Kiel. Sojajoghurt mit Müsli, viel zu teuer, trotzdem lecker. Ich lasse mich nieder auf einer der Tribühnen, die vor allem der komfortablen Aufbewahrung von Zuschauern der unterschiedlichen Sportarten dienen, die dort praktiziert werden. Kaum habe ich mich dort häuslich eingerichtet, werde ich von einem Volleyball getroffen. Der Joghurt ist all over the place. Meine überwiegend dunkle Kleidung hat ein neues Sprenkelmuster. Und vorher dachte ich noch: Setz dich nicht zum Basketballfeld, da wirst du sicher abgeworfen.

24 Stunden später: Minusgrade. Der echte Winter hat sich endlich gegen den Kieler All-Time-April durchgesetzt. Für meinen Fahrradsattel brauche ich einen Eiskratzer. Im Korb auf dem Gepäckträger befindet sich festgefrorener Schnee von gestern. Das Schloss geht gerade so auf, aber die Gangschaltung ist im höchsten Gang eingefroren. Als ich versehentlich die Handbremse zudrücke, bleiben die Bremsklötze am Vorderreifen kleben.

Meine warme Jacke ist in der Wäsche, mein Fahrrad ist tiefgefroren. Tut mir leid, ich muss heute leider zuhause bleiben.

Was war und was wird nun? Ein Jahresrück- und -Ausblick

Der unangefochten beste Mensch auf der Welt hat mir zu Weihnachten ein sehr schönes T-Shirt geschenkt. „Schwere Jahre voller schöner Stunden“ steht darauf. Im Prinzip habe ich nun die Möglichkeit, das Resümee eines jeden Jahres direkt am Leib zu tragen (es sei denn, das Shirt ist in der Wäsche). Falls jemand nach einem Jahresrückblick fragt, könnte ich also einfach schweigen und auf diesen Aufdruck deuten. Eine Äußerung, so praktisch wie wahrhaftig. Auch das letzte Jahr war irgendwie furchtbar anstrengend, was vor allem daran lag, dass sich im Januar direkt eine ganze Handvoll neuer Betätigungsfelder angehäuft hat. Weiterlesen

Street Cred +100

Über Sittenverfall klagen ist ein thematischer Dauerbrenner. Die Jugend ist unhöflich. Die wunderschöne deutsche Sprache wird hinterrücks von einer Anglizismensarmee überfallen und ermordet. Die Menschen starren alle nur noch auf ihr Smartphone und verpassen das echte Leben. Diese neuen Feministinnen machen das gute alte Patriarchat kaputt. Seit der Antike werden Sommer-, Winter- und sonstige Ereignislöcher immer wieder mit solchen Themen gestopft. Früher war alles besser, bla etc. Ich kann dieser Art der Berichterstattung nicht das geringste abgewinnen. Und das nicht nur, weil ich jung und emanzipiert bin und sehr gerne Anglizismen benutze. Sondern, weil es einfach zu nix führt, außer dass Franz Josef Wagner wieder eine leere Stelle in der Bildzeitung mit noch mehr restriktiver Scheiße füllen kann. Allerdings muss ja jeder mal gegen Prinzipien verstoßen, und deswegen beklage auch ich heute eine Form des Sittenverfalls, die mir schon lange ein Dorn im Auge ist. Weiterlesen